
WARUM EINE INCLUSIVE ORGANISATION?
Viele Jugendorganisationen in Europa stehen vor einer bedeutenden Herausforderung: Sie sind zwar theoretisch offen für alle jungen Menschen, aber in der Praxis haben die Teilnehmenden ihrer Programme meist einen sehr ähnlichen sozioökonomischen Hintergrund: Sie haben in der Regel Zugang zu formal höherer Bildung, sind Teil der Mittelschicht, sind weiß, besitzen eine EU - Staatsbürger:innenschaft und sind nicht behindert. Junge Menschen aus marginalisierten Gruppen zögern oft an solchen Programmen teilzunehmen, weil sie das Gefühl haben, dass sie dort nicht willkommen sind.
Bei Inklusion geht es um Bewusstsein, Akzeptanz, Respekt und Verständnis. Sie zeichnet sich dadurch aus, gleiche Chancen zur Teilnahme zu bieten und jede Person für ihre einzigartigen Fähigkeiten, Erfahrungen und Perspektiven zu wertschätzen. In einer Organisation eine inklusive Umgebung zu schaffen, bedeutet Individuen mit vielfältigen Hintergründen und Marginalisierungserfahrungen darin zu bestärken, ihr Potenzial voll auszuschöpfen.
WAS IST EINE INKLUSIVE ORGANISATION?
Um eine Kultur der Inklusion zu fördern, ist es essenziell, dass Teilnehmende sich wertgeschätzt, gehört und respektiert fühlen. Das bedeutet, innerhalb einer Organisation Strukturen zu etablieren, welche die kulturelle und soziale Akzeptanz und Gleichbehandlung verschiedener Gruppen und Individuen garantieren. Inklusive Organisationen beteiligen aber nicht nur Menschen mit vielfältigen Biografien, sondern priorisieren auch Lernprozesse. Sie schätzen dabei die Perspektive und Beiträge aller Menschen und integrieren die Bedarfe, Stärken und Perspektiven marginalisierter Communities in die Planung und Umsetzung ihrer Programme. Zusätzlich beschäftigen solche Organisationen diverse Mitarbeitende und Freiwillige, analog zu den Communities für und mit denen sie arbeiten.
Mithilfe unseres Zertifizierungsprozesses und den Weiterbildungsmodule nimmt sich unser Projekt „Inclusive Organisations“ dieser Herausforderungen an. Wir bieten Organisationen Hilfe zu der Frage an, wie junge Menschen mit Marginalisierungs-, Ausgrenzungs-, und Diskriminierungserfahrungen besser in der Verwirklichung ihres Rechts auf Teilhabe unterstützt werden können und ihre Inklusion vorangetrieben werden kann. Wir legen dabei Wert auf Repräsentanz und bieten Strategien an, um ein vielfältigeres und repräsentativeres Team aus Mitarbeitenden mit Marginalisierungserfahrungen aufzubauen.
WEN WOLLEN WIR INKLUDIEREN?
Junge marginalisierte Menschen kämpfen mit systemischer und institutioneller Unterdrückung, die ihre soziale, kulturelle, ökonomische und politische Teilhabe beschränken kann. Marginalisierung wird oft anhand von Faktoren wie sozioökonomischer Status, Hautfarbe, (wahrgenommener) Herkunft, Aufenthaltsstatus, Religion, sexueller Orientierung, Gender, Beeinträchtigung/Behinderung oder Alter erfahren. Auch erleben Menschen im ländlichen Raum durch beschränkten Zugang zu Dienstleistungen eine Form der Marginalisierung.
Es ist wichtig zu verstehen, dass Exklusion ein Resultat von Marginalisierung ist, nicht ihre Ursache. Marginalisierung hat ihren Ursprung in der systemischen Unterdrückung, die Individuen erleben, weil zu Gruppen gehören, die ein höheres Maß an Ungleichheit erleben.
Der Fokus von Inclusive Organisations liegt auf 6 spezifischen Gruppen marginalisierter junger Menschen und der zugehörigen Mechanismen der Unterdrückung. Dabei kann ein einzelner Mensch natürlich von mehreren Unterdrückungssystemen überlappend und gleichzeitig betroffen sein. Im Rahmen dieses Projektes haben wir uns dennoch dafür entschieden, einen Fokus auf die Systeme einzeln zu legen, um ihre Auswirkungen auf junge Menschen besser zu verstehen und Intersektionen besser herausarbeiten zu können.
In einem ersten Schritt setzen wir unseren Schwerpunkt auf 6 Gruppen marginalisierter junger Menschen:

Junge LGBTIQ+ Menschen
Junge Menschen aus der LGBTIQ+ Community erfahren Homophobie, Biphobie, Transphobie und weitere Formen der Gewalt auf Basis ihrer sexuellen Orientierung, Geschlechtsidentität und/oder Geschlechtsausdruck. Sie werden durch Cis-Normativität und Heteronormativität unterdrückt.

Junge FLINTA*
Junge FLINTA* meint Mädchen und Frauen, trans* und nonbinäre junge Menschen, agender und intersex Menschen, die Sexismus und andere Formen der Gewalt aufgrund ihres Geschlechts und Geschlechtsidentität erleben. Sie werden durch das Patriarchat unterdrückt.

Junge Sinti*zze und Rom*nja
Junge Sinti*zze und Rom*nja erleben Antiziganismus und andere Formen rassifizierter Gewalt und Diskriminierung. Sie werden durch Rassismus unterdrückt.

Junge rassismusbetroffene Menschen
Diese Gruppe junger Menschen erlebt rassistische Diskriminierung und Benachteiligung aufgrund ihrer Hautfarbe, Aussehens, Sprache, Staatsbürger:innenschaft, Religionszugehörigkeit oder Herkunft, etwa in Form von Islamophobie oder Fremdenfeindlichkeit.

Junge Menschen mit Beeinträchtigungen/Behinderungen
Junge Menschen mit Beeinträchtigungen/Behinderungen erleben Diskriminierung und Stigma aufgrund ihrer zugeschriebenen körperlichen und geistigen Fähigkeiten. Das inkludiert Menschen mit Körperbehinderungen, chronischen Krankheiten und Lernschwierigkeiten. Sie werden durch Ableismus unterdrückt.

Junge von Armut und sozialer Ausgrenzung bedrohte Menschen
Junge von Armut und sozialer Ausgrenzung bedrohte Menschen erleben Ausgrenzung und Diskriminierung aufgrund eines Mangels an finanziellen, sozialen, kulturellen und gesundheitlichen Ressourcen Sie werden durch Kapitalismus unterdrückt.

Für weitere Informationen, ein Glossar und Inputs zu diesem Thema empfehlen wir Dir, einen Blick auf das Handbuch in Englisch zu werfen.
